M a r y C o t t e n
Im Reich der Gänsehaut
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Zwischen Tag und Traum

Leseprobe aus dem Roman: Blutig schmeckt dein heißer Kuss

... Der Nebel lag wie eine undurchdringliche Milchsuppe über der Wiese, die sich vom Flußufer an in Richtung Wald ausdehnte. Es war Herbst und die Luft roch nach Moder und nasser Erde.

Ein einsamer Reiter kämpfte sich durch die unangenehm riechende weiße Wand. Er schien es ziemlich eilig zu haben, denn immer wieder trieb er seinen schwarzen Hengst mit leisem Zungenschnalzen an.

Plötzlich durchschnitt ein greller Blitz die undurchdringliche Mauer aus kaltem feuchten Nebel. Für einen Moment lang war alles in stechendes Weißgold getaucht.

Der Hengst erschrak zu Tode. Mit einem Entsetzensschrei hoben sich seine Vorderbeine in die Luft, und sein edler Kopf schnellte nach hinten, als wollte er sich einmal um sich selbst drehen.

Die klebrige Watte teilte sich. Eine zarte Gestalt mit langen, goldblonden Haaren und einem feinen Gesichtchen stand plötzlich da, als hätte der Blitz sie hier zurück gelassen.

Der Reiter brachte mit viel Mühe und gutem Zureden sein Pferd zum Stillstand, dann sprang er herab. Fasziniert starrte er die Gestalt an. In seinem markanten Gesicht arbeitete es, er kämpfte um Fassung.

"Jeanny, bist du es wirklich oder nur eine Erscheinung?", fragte er mit brüchiger Stimme.

Die Frau kam noch ein Stückchen näher. Um ihre blassen Lippen lag ein trauriges Lächeln. "Ich bin es wirklich",  formten sich die Worte, die er nur fühlen, aber nicht hören konnte. "Willst du mit mir kommen, dorthin, wo du keine Schmerzen leiden mußt?

Der Mann zuckte zurück. Seine Augen hatten etwas entdeckt, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jeanny, seine geliebte Frau, die er vor genau einem Jahr verloren hatte, wollte nicht zu ihm zurück kehren. Sie war gekommen, ihn zu holen.

"Ich liebe dich, Daniel. Komm mit mir". Sie streckte die linke Hand nach ihm aus. "Wir werden immer zusammen sein.

Der Mann wich zurück. Er schüttelte den Kopf. "Du bist es nicht, du bist..." Er deutete auf den Strauß in ihrer rechten Hand. Es waren die Blumen, die er ihr in die Hand gegeben hatte, als sie bereits im Sarg lag. "Du bist ein Geist.."

Jeanny lächelte noch immer. Sie  nahm eine dunkelrote Rose aus ihrem Strauß und reichte sie ihm. "Nimm sie", befahl sie. "Sie wird uns für immer verbinden. Solange du sie hast, werden wir immer zusammen sein.

Er nahm sie und schaute die Blüte an. Samtrote Blütenblätter schimmerten feucht, und der Blütenstengel sah aus, als sei er eben erst abgeschnitten worden. Dann entdeckte er auch die Kerbe, die er damals selbst eingeritzt hatte, ein V für Vergebung.

Doch jetzt wußte er, dass Jeanny ihm niemals vergeben würde, denn auf einem der Blütenblätter glänzte ein Wassertropfen. Er sah aus wie eine Träne... 


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